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HobographicsQ & A Harald Geisler

The Sigmund FreudTypeface

Harald Geislers »Sigmund Freud Typeface — a letter to your shrink« ist ein Projekt, das 2013 ausserordentlich erfolgreich auf der New Yorker crowdfunding Plattform Kickstarter war. Zwischenzeitlich auf myfonts.com in der Liste der »Hot New Fonts« angekommen, gab der Gestalter in diesem bereits zu Beginn der Kickstarter-Kampagne begonnenen und per Email geführten Frage- und Antwortspiel Einblicke in seine Motivation, dem Gründervater der Psychoanalyse ein würdiges typografisches Denkmal zu setzen.
Weitere Akteure und Personen im stream of consciousness zu Tagträumen, Gewaltphantasien und Doppelgängern: Sigmund Freud, Albert Einstein, Platon, Phaidros, Sokrates, René Clement, Alain Delon, Patricia Highsmith, Marshall McLuhan, Wilma Federn, Goethe, Woody Allen, Diane Keaton, Leo Fender, Orville Gibson, Jaques Derrida, Alan Turing, Nietzsche, sowie Kurrent/Sütterlin & Latin Script. Ausserdem ein Ausblick auf die Kinosaison 2015 mit Keira Knightly.


»A letter to your shrink« – shrink steht in Deutsch prosaisch für »Seelenklempner« – hieß dein neuestes Projekt, das du als nunmehr viertes auf der amerikanischen funding Plattform Kickstarter ins Leben gerufen hast. Es ging darum, einen Script-Font zu entwickeln, der auf der Handschrift Sigmund Freuds basiert. Im – wie üblich sehr instruktiven Video – erfährt man, daß du bereits zwei Fonts auf der Basis von Handschriften entwickelt hast: einmal der Handschrift Albert Einsteins und deiner eigenen. Jetzt also Sigmund Freud. Was ist der Grund, historische Berühmtheiten zum Vorbild zu nehmen? Eine gewisse Ironie spricht ja daraus, den Hinweis auf den bereits im vorletzten Jahr verwirklichten Font »Conspired Lovers« der ja auf deinen eigenen Liebesbriefen (oder deren Entwürfen) basiert, im Video zwischen die beiden Handschriften der Jahrhundert-Persönlichkeiten zu platzieren.

Ganz ehrlich, die Ironie ist offensichtlich vorhanden, war mir aber nicht bewusst. Und natürlich vereinnahme ich das gerne für mich, diese genialische fast wahnsinnig anmutende Ironie ist mir durchaus sympathisch. Mein Anliegen ist das Schreiben und in diesem Projekt oder dieser Reihe von Auseinandersetzungen: das Handschriftliche. Der Handschrift liegt die Schönschrift nahe. Wenn ich an das Projekt mit Albert Einstein erinnere so kommt mir als erstes der Gedanke das dessen Handschrift gar nicht schön ist. Denke ich an das vorliegende Projekt so finde ich an Freuds Handschrift schon etwas Anmutiges in ihrem vehementen Ausdruck. Aber der Font als Ergebnis wird sicherlich nicht schön sein. Es geht also um Handschrift, nicht um Schönschrift. Freuds Handschrift ist eine Gegebenheit und als Hersteller dieses Fonts werde ich diesen Zustand auch nicht ändern können.

Um aber deine Frage nach dem Grund historische Berühmtheiten als Vorbild zu nehmen zu beantworten: Ausgangspunkt war eine Herausforderung. Ich saß in der Zeit nach meinem Diplom  zusammen mit zwei Freundinnen in einem Kaffee nahe an der Hochschule für darstellende Kunst in Frankfurt. Einige Monate zuvor hatte ich aufgehört bei Linotype Anwendungsbeispiele für Schriften zu entwerfen. Nun zerbrachen sich beide den Kopf und diskutierten darüber was ich nun als Typograph machen sollte. Die eine erfolgreiche Performance Künstlerin, die andere mittlerweile erfolgreiche Dramaturgin in Hamburg könnten fachfremder nicht sein. Schließlich nach einigen Kaffees entsteht die Idee Handschriften von berühmten Persönlichkeiten, z. B. Albert Einstein als Font zu realisieren. Ich hielt mich aus dieser Diskussion völlig heraus. Auf die Frage wie lange es dauern würde die Handschrift einer Person als Font umzusetzen schätzte ich ungefähr zwei Wochen. Eigentlich war mir eine solche Arbeit zuwider, ich wollte zu dieser Zeit lieber expressive geometrische Schriften entwerfen. Stück für Stück eine Handschrift abzutragen ist doch mehr eine mühselige Arbeit als ein gestalterisches Vergnügen.

Nun die Beraterinnen waren überzeugend und ein bisschen wollte ich den Damen beweisen was ich so für verrückte Sachen kann. Ich stürzte mich in die Arbeit. In der Folge des Gesprächs wurden mir immer wieder neue Handschriften zugeschickt. Ich erinnere mich genau als ich das erste Mal die Handschrift von Freud gesehen habe. Viel schöner als Einstein, ausdrucksstärker und expressiver. Ich beschloss diese soll das nächste Projekt werden. Nach vier Wochen war die Einstein Schrift immer noch nicht fertig. Wenn man jedoch einmal so weit gegangen ist dann fällt es schwer alles aufzugeben. Nach zweieinhalb Monaten war alles fertig und sogar die Grafik für den Verkauf abgeschlossen. Leider war es mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, das ich mich mit dem Unternehmen mitten in eine brenzlige Urheberrechts-Situation begeben würde. Als sich diese nun auftat ist mir die Puste ausgegangen. Ich liess die Sache fahren und legte das Projekt erstmal zu den Akten.

Daher war mein nächstes handschriftliches Projekt nun meine eigene Handschrift Conspired Lovers. Diese war ein ziemlicher Erfolg,  worauf ich die Akte Einstein/Freud nochmal aus dem Archiv hervorholte. Man könnte also sagen das meine Handschrift aus legalen Gründen zwischen die beiden Berühmtheiten gekommen ist.

Die Idee mit Freud ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern wegen eines Traums. Oft im Nachdenken über meine Arbeit stelle ich mir Situationen in Tagträumereien vor. So ein Tagtraum ist mir auch zur Freud Schrift eingefallen und ich habe ihn mir wiederholt vor Augen geführt. Ein Mann (oder meinetwegen auch gerne eine Frau) schreibt an ihrem Computer einen Brief an ihren Psychoanalytiker. Es wäre kein emotionaler Brief, sondern eine Art sachliche Abrechnung, ich kann nicht genau sehen was die Person schreibt aber es hat auf jeden Fall Humor. Als Schriftart für diesen Brief verwendet die Person die Handschrift Sigmund Freuds. Der Brief wird ausgedruckt und erscheint auf Papier als ob ihn Freud selbst geschrieben hätte. Der Adressat wird einen Brief erhalten gesetzt in der Handschrift Sigmund Freuds.

Als Erfinder und Begründer der Psychoanalyse besitzt Freud in diesem Gebiet besondere fachliche Autorität. Mit seiner Handschrift erscheint auch die fachliche Autorität Freuds. Die briefeschreibende Person hebt dadurch die ursprünglichen Kompetenz- oder Machtverhältnise zwischen Ihr als Patient und dem Analysierenden Gegenüber (Shrink) auf.

Jetzt wenn ich darüber schreibe musste ich an die Filmszene aus Annie Hall denken in der Woody Allen mit Diane Keaton in einer Kino-Schlange warten. Hinter ihm versucht ein Professor für Medientheorie sein Date mit intellektuellen Oberflächlichkeiten zu beeindrucken. Als es schließlich zur Sache McLuhan geht lässt Allen seiner Fantasie freien Lauf und holt den echten Marshall McLuhan zur Hilfe um die angebliche sachliche Autorität des Scharlatan zu entlarven.

Eine großartige Phantasie, die wenn ich diese zu Ende denke doch nur eine Gewaltphantasie ist. Es geht um die Gewalt die mit fachlicher Autorität verbunden ist. Letztlich geht es in der Szene nicht darum den störenden Professor für Medientheorie mit einem »zwingenden« »treffenden« oder »stärkeren« oder gar »;schlagkräftigen« Argument zur Änderung der Haltung zu bewegen, sondern um die fachliche Autorität zu entwaffnen und zu übertrumpfen in einer Art des Bloßstellens.

Um dieses Spiel mit der Handschrift und Autorität des Autors geht es auch bei »A Letter to your Shrink«, denn wer hätte mehr Autorität im Bereich der Psychoanalyse als der Gründervater selbst? Nicht der Inhalt allein das Äußerliche verleiht dem Geschriebenen seine Autorität.

Anders als bei Freud und Einstein habe ich beim Projekt »Conspired Lovers« alle Freiheiten, weil es um meine private und eigene Handschrift ging. Da es um meine Liebesbriefe ging sogar um eine intime Schrift. Im Falle meiner eigenen Handschrift besitze ich als Autor oder unmittelbarer Schöpfer eine Autorität. Ich bemühe mich natürlich um Transparenz weil mir daran gelegen ist mich mitzuteilen. Als unmittelbarer Schöpfer kann ich gestalterisch nach Belieben schalten und walten. Wenn man niemanden Rechenschaft schuldig ist in seinem Tun, trägt man keine Verantwortung. Man singt »Die Gedanken sind frei«, man spricht von künstlerischer Freiheit – In diesem Prozess war ich gestalterisch frei, und verantwortungslos. Jedermann kann als Font die Handschrift kaufen, mit der ich Liebesbriefe geschrieben habe. Das jemand einen Liebesbrief schreibt mit meiner Schrift, an eine Frau oder einen Mann den ich gar nicht kenne und ich davon nie etwas erfahren werde, dieser Gedanke erschien mir als reizvoll.

Das Spiel mit Autoren, Autorschaft und Autorität, Urheber, Verantwortung und Original ist was mich an diesen Projekten mit Handschrift fasziniert. Es hat doch etwas lustiges oder auch gruseliges die Toten so zu erwecken. Und gerade als Typograph interessiert mich dieser Grusel oder Unbehagen der Schrift gegenüber. Tief im abendländischen Denken findet sich dieser Grusel verankert. An zentraler Stelle, im »Phaidros« kritisiert Platon das Medium und spricht ihm ganz unheimliche Zombie-artige Qualitäten zu: »Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend (…) Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll, und zu wem nicht. Und wird sie beleidiget oder unverdienterweise beschimpft«


Einsteins (und auch deine Handschrift) sind dabei formal näher an der Lateinischen Ausgangsschrift oder Cursive, Freuds Handschrift ist dabei eher eine Kurrent oder Sütterlin, die für unsere heutigen Augen recht schwer lesbar erscheint. Nach deinen Recherchen (eher schon Forschungen) wechselte Freud allerdings auch in die Cursive oder Latin Script, wenn er mit Patienten aus dem englischen Sprachraum korrespondierte oder, wie bei deinem Beispiel in dem Brief an Wilma Federn, Englisch zitiert. Freuds Handschrift bildet also sowohl die Kurrent/Sütterlin wie die Latin Script ab. Wird es also zwei komplett unterschiedliche Fonts geben?

In meiner Vorbereitung habe ich einige Zeit in Wien verbracht. Untergekommen bin ich glücklicherweise bei einer Schulfreundin die dort mit ihrer eigenen Familie in der herschaftlichen Wohnung der mittlerweile über 100jährigen und sehr agilen Großmutter wohnt. Ich hatte nicht nur das Glück von dieser außergewöhnlichen Frau ein Tortenrezept zu lernen, sondern mir von Ihr auch das Schreiben der Kurrent zeigen zu lassen. Es sind zwei verschiedene Dinge etwas geschriebenes oder die Bewegung des Schreibens zu betrachten. Geboren in Wien hat sie fast dreißig Jahre mit Freud zusammen in einer Stadt gelebt. Es war höchst erfreulich ihr die Briefe von Freud zu zeigen und ihre Meinung über das Schriftbild zu erfahren. Der genaue Wortlaut fällt mir jetzt nicht mehr ein aber ich habe geschmunzelt.

Um auf das Mischen der »Cursive« oder lateinischen Schrift und der Kurrent zu kommen: Im Archiv des Sigmund Freud Museums habe ich mir tagelang Briefe angeschaut.

Man darf sich die Briefkultur dieser Tage durchaus als unordentlich vorstellen, z. B. war es üblich die Adresse auf dem Umschlag in Cursive zu schreiben, aber es war auch akzeptiert zumindest ein Paar Buchstaben in Kurrent einzustreuen. Ich stelle mir vor das dies nach eigener Lust geschieht. So findet sich die gleiche Anschrift auf verschienden Umschlägen in den schönsten Varianten. Im Brief selbst herscht die Kurrent, was nicht heißt das von Mal zu Mal ein Schluß-s anstatt eines langen s im Wort oder am Schluss eines Wortes mal ein langes s steht. Heribert Sturm hat ein ganz vorzügliches kleines patentes Buch geschrieben mit dem Titel »Eine Einführung in die Schriftkunde«. Hier findet sich zur Kurrent folgende, wie ich finde treffende Beobachtung »… nur das wechselnde Stilempfinden der in der Folgezeit sich ablösenden Generationen gestaltet das Schriftbild jeweils entsprechend dem herrschenden Zeitkolorit« (S.96) und »…ein Sechzigjähriger beispielsweise schrieb zum gleichen Zeitpunkt eine etwas andere Stilform als sein zwanzigjähriger Zeitgenosse.« (S.103). Man beachte das herrliche Wort Zeitkolorit.

Auch heute und bei allen Überlegungen zur Äußerlichkeit der Schrift und vor allem deren Bewertung kann man sich dieses Zitat zu Herze nehmen. Bei Karl Lagerfeld z. B. heißt es in etwa es gibt keine schlechte Mode, jede Zeit bekommt das was sie verdient. Diesen Gedanken finde ich auch für die Gestalt von Schrift ganz treffend – es gibt schon etwas korrektes oder passendes aber dieses ist nicht endgültig passend oder endgültig korrekt.

Ursprünglich wurde die Arbeit von Heribert Sturm in der Reihe »Bayrische Heimatforschung« Heft 10, München-Pasing, 1955 veröffentlicht, die Neuauflage ist 2005 beim Verlag Degener & Co., Neustadt an der Aisch erschienen.

Zurück zu Freud, bemerkenswert ist, das sobald Freud Englisch zitiert, also bewußt die Sprache wechselt, es auch zu einem Wechsel der Schriftart von Kurrent zu »Cursive« kommt. Daraus könnte man folgern das eine Sprache mit einer Schreibweise verbunden ist. Mein Ziel ist es Freuds Handschrift abzubilden und nicht eine Schrift zu machen die »nur« ähnlich wie Freuds Handschrift aussieht. Die Schwierigkeit ist das die von Freud gezeichnete Kurrent heute für kaum einen mehr lesbar ist. Die Situation mit den verschiedenen Sprachen hat mir natürlich einen Ausweg angeboten. Die momentane Planung sieht sechs Fonts vor. Davon vier (1—4) komplette Fonts, einen weiteren mit  historischen Figuren (5), und einen sechsten (6) der alle Schriftsätze miteinander verknüpft und über OpenType features die Alphabete austauscht und ein handschriftliches Aussehen erzeugt. Über das Austauschen habe ich bei Kickstarter ein ausführliches Update geschrieben auf Englisch. (Hier geht es zu den aktuell realisierten Fonts)


Mit dem Sigmund-Freud-Font schlüpfst Du ja quasi in die Identität einer anderen Person; das scheint ja sogar schon physiognomische Auswirkungen zu haben, wenn man dich im Video sieht (ich meine den Bart) … mich erinnert das Procedere, also das Schaffen eines scripturalen Fonts auf Basis der Handschrift eines Fremden, an eine zentrale Szene im Film »Plein Soleil« (deutsch: Nur die Sonne war Zeuge) von René Clement von 1960. Das Drehbuch fusst auf »Der talentierte Mr. Ripley« von Patricia Highsmith; und, naja, es gibt auch ein Remake, das aber lange nicht an diese Fassung herankommen: Alain Delon übt darin – recht professionell per an die Wand geworfener Projektion und sehr gestisch, mit grossen Armbewegungen, wenn ich mich richtig erinnere – die Signatur des von ihm ermordeten Freundes um komplett seine Identität übernehmen zu können, quasi als Doppelgänger. (Die gesamte Szene wurde auf YouTube eingestellt, wie Harald entdeckte: »Ganze 4 Minuten folgt man dem Delon, und in diesen 4 Minuten kommt der Film ohne Sprache aus.« Harald Geisler)

Die Vorgehensweise des Einübens über die Armbewegung, also die eher gröbere Motorik, bis zum ausgereiften feinmotorischen Schreiben mit der Hand ist dabei glaube ich geradezu lehrbuchmässig vorgeführt. Wobei du, als kalligrafisch Geübter, wahrscheinlich nicht so vorzugehen brauchst; interessant wäre dabei natürlich, ob du im Prozess dieser Arbeit tatsächlich die Handschrift Freuds gelernt hast. Aber mich beschäftigt etwas anderes: Das Motiv des Doppelgängers ist ja auch ein zentrales Thema der Romantik, ich zitiere mal wikipedia: »Der Doppelgänger wird in der Romantik meist mit dem Verlust der eigenen Identität assoziiert und beschreibt daher eine zentrale Angst der bürgerlichen Gesellschaft.« Wenn man deine fotografischen Arbeiten kennt, stehen die motivisch ja durchaus in der Nähe der deutschen Romantik, also Caspar David Friedrich zum Beispiel. Könnte es sich also um die typografische Fortsetzung handeln? Bleibt also die Haltung dieselbe, nur das Medium wechselt?

Das ist ein sehr schöner Vergleich, danke. Ich bin mir nicht sicher was genau Identität bedeutet, für mich heißt es übereinzustimmen mit dem Bildes das man von sich hat, Identität ist also eine Aktivität. So lange ich mich erkenne im Spiegel (der Anderen und in meinen Taten) so lange bin ich identisch mit der Vorstellung die ich von mir habe. Der Begriff ist mit den Begriffen Eigentum, Eigentlichkeit und Original verknüpft. Im Laufe des Lebens eigenet man sich auch eine ganz eigene Handschrift an. Diese Handschrift signiert und kennzeichnet dann das Original. Oft ist man selbst der einzige der seine Handschrift lesen kann. Der Verlust der eigenen Handschrift — und da ist vielleicht auch eine Faszination für dieses Projekt verborgen. Es geht um den Tod und um das Überleben der eigenen Handschrift und damit der Autorität nach dem eigenen Tod. Und es ist doch eine ganz tolle Vorstellung von dem Doppelgänger mit der eigenen Handschrift.

In »Dichtung und Wahrheit« berichtet Goethe über einen Freund der als Jugendlicher bei einem Baron eingestellt war um dessen Handschrift zu kopieren. Während dieser die Nächte in den Armen seiner Affairen verbrachte, musste Goethes Freund in der exakt nachgeahmten Handschrift des Baron mehrere Liebesbriefe an die weiteren Geliebten für seinen Arbeitgeber verfassen. Diese wurden dann in den frühen Morgenstunden per Bote aufgegeben und hielten die fernen Geliebten in der Annahme der Liebhaber hätte die ganze Nacht bei Kerzenschein nur an sie gedacht. Eine frühe Anwendung von copy & paste. Die genaue Stelle mag mir hier nicht einfallen aber der geneigte Goethe-Kenner mag mich gerne darauf hinweisen.

Zurück zum Projekt, es ist vor allem etwas technisches und kreativ fast positivistisch. Wenn der romantische Doppelgänger Ausdruck von Angst des Verlusts der eigenen Identität ist so tritt ihm heute mit dem Sigmund Freud Font der postmoderne Avatar gegenüber. Der Avatar umarmt in seiner Normierung und Formatierung völlig die Technik geht ganz in ihr auf (oder unter). Das hat zwei Folgen. Erstens der Verlust jeglicher Originalität. Ein Original kann ja nicht gleichzeitig A und B sein, es ist entweder oder. Vorausgesetzt es gibt kein Original AB.  Zweitens die Möglichkeit zu einer Vielzahl von Identitäten. Virtuell bin ich als Spieler nicht auf eine Identität begrenzt, ich kann gleichzeitig verschiedenste Profile bedienen. Solange und sooft, bis alle meine Bedürfnisse gedeckt oder bedient sind. Folgt man der Argumentation könnte man zu der Frage kommen ob man in der Gegenwart überhaupt noch die Figur des Doppelgänger braucht, und ob die des Avatar's nicht zeitgemässer ist.

Es ist ganz wesentlich das bei wikipedia (einem nicht wissenschaftlichem Text) steht: »… Verlust der eigenen Identität«. Als Aktivität wie von mir eingangs vorgeschlagen kann nicht verloren werden. Denkt man die Identität als Gegenstand oder Summe von Eigenschaften wäre es vielleicht möglich von einem Verlust sprechen. Aber, ist es nicht so das eine Identität nur einer einzigen Person gehören kann? Es ist also gar nicht notwendig diese mit dem Wort eigen als Eigentum zu bezeichnen. Ich vermute was die bürgerliche Gesellschaft dort »eigentlich« fürchtete war der tatsächliche Verlust des Eigentums und das war ja in der Vergangenheit eine ganz reale Angst, da Eigentum dort zentraler Gegenstand der Identität war. Verkürzt gesagt war der Fabrikbesitzer ein Fabrik-besitzer, wenn er aber keine Fabrik mehr besitzt; dann war er niemand. Der Eigentümer gehört keiner Klasse oder Innung an, er hat nur seine Verwandten. Die Angst um das Eigentum ist mir unvorstellbar, und daher vielleicht umso unheimlicher da ich aus einer Generation und Kultur komme deren Fundament vor allem das garantierte Eigentum ist. Aus der Sicherheit dieser Garantie heraus können wir ohne Angst fast natürlich den Avatar nutzen. Der Avatar ermöglicht uns durch ihn beliebig viele Persönlichkeiten zu leben. Wir können ganz eigentlich verschiedene Persönlichkeitsprofile ausleben. Oder zumindest so tun als ob wir leben. Und genau da könnte auch die Kritik des Avatar beginnen, bei seiner »Uneigentlichkeit« …

Die Sigmund Freud Schrift und die Arbeit an diesem Projekt hat für mich durchaus zu tun mit der Idee des Verlust oder Todes der eigenen Handschrift. Es ist schon ein Verlust wenn eine Kulturtechnik wie das Schreiben mit der Hand verloren geht.

An anderer Stelle wurde ich gefragt: What are we losing with the death of handwriting?

Meine Antwort darauf: If handwriting is dead, are we now dealing with its corpse?

Diese Antwort erinnert an Nietzsches Tod Gottes,  und die darauf folgend in der Postmoderne gestellte Frage was nun mit dem Leichnam Gottes zu tun sei. Und dieser Vergleich hat für den geneigten Leser mehr Berechtigung und provokativen Sprengstoff als auf den ersten Blick erkennbar. Gott ist in der christlich-jüdischen Tradition vor allem ein bildloser Gott, Gott äußert sich in Textform. Die christlich-jüdische Religion überliefert sich ausschließlich in Text. Das Lesen und Schreiben ist historisch gesehen vor allem eine religiös geprägte Technik oder eine Technik die Religion prägt.

Seit Jahrtausenden schreiben wir mit der Hand, seit Jahrhunderten ist es allgemein-Gut das jeder (Bürger) in einer Gesellschaft Lesen und Schreiben (können) muss. In jeder Gesellschaft gibt es einen Anteil von Analphabeten. Wenn eine Technik so eng verbunden ist mit religiösen und gesellschaftlichen Werten dann fällt es leicht die Angst um den Verlust im Todesfall der Handschrift zu verstehen. Ja im Fall des mit der Hand schreibens ist es sogar möglich das Essentielle der Werte mit der Technik selbst zu verwechseln.

An dieser Stelle ist es hilfreich eine Stelle aus der Einleitung der »Gramatologie« von Derrida anzuführen. Dort steht   »das die Idee der Wissenschaft selbst in einer bestimmten Epoche der Schrift entstanden ist«

… und Derrida folgert daraus: »Die Wissenschaft von der Schrift hätte also ihren Gegenstand an der Wurzel der Wissenschaftlichkeit zu suchen«

Folgt man der Annahme Derridas und ich neige dazu dies zu tun, dann könnte man zu der Annahme kommen das Schreiben und Lesen mehr ist als Kulturtechnik. Ich gehe davon aus das Technik ersetzbar ist durch eine andere Technik. Ein Beispiel hierfür wäre etwa eine mechanische Schreibmaschine durch eine elektrische auszutauschen, Stein mit Metall, Kohle mit Gas. Kulturtechnik ist anders als »nur« Technik. Dieses »andere« macht diese nur begrenzt ersetzbar. Kulturtechnik nimmt Einfluss auf die Kultur und prägt diese. Wenn eine Technik eine Kultur prägt dann geschieht dies ganz in der Art des Prägens, nämlich mit einem Abdruck. Dieser Abdruck der Kulturtechnik hinterlässt die der jeweiligen Technik eigene Struktur oder Spur in der Kultur. Rein technische Gegenstände lassen sich austauschen ohne kulturellen Strukturverlust. Dieser Verlust ist das, was technische Wandel in der Typografie so schmerzlich machen. Im Schmerz des Wandels findet sich vielleicht auch der Grund für die Nostalgie die heute so oft in der Typografie gefunden wird wenn man z. B. von historischen Schriften und alten Druckverfahren spricht. Nostalgie heißt ein schmerzliches Verlangen nach einem Ort in der Vergangenheit. Da ist die Nostalgie mit der Romantik verwandt. Meine Definition von Romantik ist das Verlangen nach etwas oder einem Zustand der nicht erreicht werden kann. Beispiele für romantische Bewegungen sind laut Rüdiger Safranski wenn Adelige sich als Bauern verkleiden um ein einfaches Leben zu spielen oder sozialistische Studenten In Rüsselsheim die Arbeiter in einem Automobilwerk werden um zu erfahren was es heißt Arbeiter zu sein. Arbeiterromantik, Armutsromantik, ist die Typografie ein nostalgisches romantisches Unterfangen?

Meine Definition von Typografie ist: Die Typografie beschäftigt sich mit allem was Bezug zum Lesen und Schreiben hat. Wenn die Typografie sich mit allem beschäftigt was mit Lesen und Schreiben zu tun hat, dann ist das zentrale Interesse des Typografen oder der Typografin die beschriebene Struktur oder Spur zu verstehen; die Spur des Lesens und Schreibens welche sich in der Kultur »abdruckt«.

Folgt man den vorgebrachten Sätzen und stimmt diesen zu, dann könnte man sagen: in den tiefen Spuren innerhalb unserer Kultur (»Wurzeln der Wissenschaft«) ist das Geheimnis der Typografie beschrieben.


Wie stehst du eigentlich zu dem Begriff der »künstlerischen Fallhöhe«, die ja gerne, meist im Bezug auf urheberrechtliche Streitigkeiten, ins Feld geführt wird. Wenn man mal die Extrempositionen ausser acht lässt, die Schriftgestaltung generell jede »Schöpfungshöhe« absprechen »da die Grundformen der Buchstaben bereits bekannt sind und zum uralten Kulturgut der Menschheit zählen« (ein Standpunkt, der gerne auch mal von renommierten Gestaltern wie W. Beinert eingenommen wird: Aufsatz vom 12.01.2013 »Urheberrecht für Schriften … Eine kritische Anmerkung« – wobei mich dies wundert: Niemand würde im Falle von Musikkomposition – die ja auch auf uralten Tonfestlegungen und Tonleitern wie trainierten Wahrnehmungen von Tonhöhen basiert – auf die Idee kommen, mangelnde Schutzfähigkeit aufgrund des bekannten Repertoires einzuräumen … ganz im Gegenteil: Plagiate und Ähnlichkeiten bei Liedern und auch das sampling von Musikstücken sind öfter mal Gegenstand rechtlicher Auseinandersetzung; vielleicht hinkt der Vergleich auch und Schriftgestalter sind die Instrumentenbauer der grafischen Zunft – und selbst dann bliebe noch die Frage: Fender oder Gibson? – mit allen weiteren Möglichkeiten der Verfeinerung und Distinktion. Wie ist die Ausgangslage bei einem Font, der auf einer persönlichen Handschrift basiert? Bleibt genügend Raum für die eigene Interpretation, welcher Unterschied besteht zu einer »normalen« Satzschrift, oder ist das kein Kriterium? Ralf Herrmann verfolgt einen ähnlichen Ansatz wenn er in Teil 3 seiner Artikelserie zu Schriftlizenzen zum gestalterischen Schutz von Schriftgestaltung sagt: »Die Sachzwänge im Sinne der Leserlichkeit ändern daran nichts. … Auch andere musisch-gestalterische Disziplinen sehen sich den vergleichbaren Zwängen unterworfen. Einer musikalischen Komposition wird der Werkstatus nicht verwehrt, weil es wie tausende andere Stücke aus den gleichen 7 Tönen der C-Dur-Tonleiter besteht.« 

Wie du weiter vorn sagst, wolltest du, bevor du dich mit der Handschrift von Albert Einstein beschäftigt hast, »expressive geometrische Schriften« entwerfen, bzw. hast du das auch getan, also Schriften von denen du selbst sagst, daß sie »so abgefahren sind das diese schützbar sind«.

Allerdings scheint diese Haltung dir jetzt nicht mehr so selbstverständlich zu sein, mir scheint das eher dezente, verfahrensartige Vorgehen wie bei Gestaltung des Typographic Wall Calendar auch wesentlich moderner bzw. wesenshafter typografisch zu sein, so im Gutenbergschen Sinne. Individuelle künstlerische Entscheidungen werden nach meinem Dafürhalten auch weiter im Spiel bleiben, nur nicht so vordergründig wie dies bei expressiven Schriften der Fall ist, die vielleicht bei der Kreation für den Schöpfer den Eindruck machen, ein absolut individueller Ausdruck zu sein, in einem Meer von expressiven Schriften aber für den Betrachter wieder stark an Unterscheidbarkeit und Individualität verlieren. Als alternatives Modell künstlerischer Verfahren kommt mir beim Sigmund-Freud-Font das geistige Modell der Turingmaschine in den Sinn, da  das Material gegeben ist – die Handschrift Freuds – und es letztlich um das Verfahren und die Entscheidungen der Auswahl geht, das Sichten der Manuskripte, die handwerklich technische Umsetzung, die ja meistens nicht mit künstlerischen Entscheidungen in Zusammenhang gesetzt wird. Ich verstehe den »Sigmund-Freud-Font« eher als ein künstlerisches Projekt mit typografischen Mitteln – um es gegen ein Projekt wie den Mister K Font abzugrenzen, der die Handschrift von Franz Kafka als Ausgangspunkt für eine Schriftgestaltung nimmt, aber in eine völlig andere Richtung weist.

Bei dieser Frage musste ich an ein Interview mit Karl Lagerfeld zur Chanel 2014 Ready to wear Kollektion denken. Zur Einführung und zur Erklärung des (für Chanel üblich) spektakulären Bühnenbilds (eigene Übersetzung:) Die Gestalter wollten immer sozial akzeptiert sein, das ist nicht mehr modern weil keiner sich darum kümmert, der rote Teppich ist eine andere Geschichte, das soziale Leben (wie z. B. zu Zeiten von Alain Delon) existiert nicht mehr … nun wollen Sie von der Kunstwelt akzeptiert werden."

An anderer Stelle sagt Lagerfeld dass es keine gute oder schlechte Mode gibt, jede Zeit bekommt die Mode die sie verdient (oder so ähnlich). Man könnte das Verhältnis nun umdrehen und sagen: jeder Modeschöpfer/Gestalter kreiert die Gestalt die die Zeit ihm abnimmt. Mit Zeit und »Abnehmen« meine ich Gesellschaft und Markt. Das Urheberrecht das du in deiner Frage ansprichst ist auch ein Instrument des Marktes. Mir ist bei meiner Arbeit der Aspekt des Wertes wichtig. Ich stelle mir die Frage: Welchen Wert generiere ich für den Anderen? Dabei kann ich nur Hoffen. Ich lebe in der Gesellschaft und bin ein Teil von ihr. Wenn ich meinen Interessen in der Kreation aufrichtig folge, aus meiner Situation der Eingebundenheit in die Gesellschaft heraus, hoffe ich das diese Kreationen auch von Interesse und Wert für andere um mich herum sind. Wenn eine Arbeit von mir im luftleeren Raum entsteht, also nicht eingebunden ist und ohne Interesse, habe ich etwas falsch gemacht, falsch oder ohne Bedeutung. Die Gesellschaft ist bemüht diesen Wert in Ihrer Zeit zu erkennen. Jedoch ist die Geschichte der westlichen Kultur voll von Beispielen wo dieser Wert verkannt wurde. Das größte und vielleicht ursprüngliche Beispiel ist der Tod Van Goghs. Man stelle sich nur vor welche Bilder er noch gemalt hätte, wenn er die angemessene soziale Absicherung und Anerkennung bekommen hätte. Das wahrscheinlich zeitnächste Beispiel liefert der anonyme Künstler Banksy. Am 12. Oktober 2013 hat er einen Stand am Central Park aufgebaut und für $60 Originale verkauft. Gerade etwas mehr als $400 hat er eingenommen. Am Tag darauf wird das Video der Aktion veröffentlicht mit folgender Notiz:

Yesterday I set up a stall in the park selling 100% authentic original signed Banksy canvases.For $60 each. Please note: This was a one off. The stall will not be there again today.

Was Banksy dort macht, bedarf einer gesonderten Betrachtung. Mir fiel das Beispiel ein, weil es ebenso mit der Situation der verpassten Gelegenheit spielt. »Wenn das wörtchen wenn nicht wär, wär mein Vater Millionär« - sagt ein altes Sprichwort. Wenn man am Central Park gewesen wäre und ein Bild oder gar alle gekauft hätte, dann wäre man jetzt vielleicht Millionär. Der Gedanke der verpassten Gelegenheit ist meist ein Gedanke an das verpasste Geld, gerade in der Kultur. Nicht der wesentliche aber bestimmt ein Beweggrund für die Schaffung der Künstlersozialkasse ist das die Gesellschaft, hier in Form des Staates, die Kunst versucht zu integrieren und damit die Situation der »verpassten Gelegenheit« zu vermeiden. Diese Integration vollzieht sich in ganz alltäglicher Form, in der Form der Sorge. Ich bin übrigens glückliches Mitglied der Künstlersozialkasse.

Zu dem Begriff der künstlerischen Fallhöhe. Vielleicht könnte man die Schöpfungshöhe koppeln mit meiner Vorstellung von Wert einer schöpferischen Arbeit. Je höher der Wert desto länger die Zeit zum Aufprall. Die Vorstellung des Aufpralls gefällt mir allerdings gar nicht. Eine Arbeit wird nicht wertvoller oder im Wert gemindert wenn sie Urheberrechtlich geschützt ist. Das Urheberrecht ist auch ein Werkzeug des Marktes. Die Male bei denen ich Kontakt mit dem Urheberrecht hat waren immer Kontakte mit Unternehmen z. B. Verlagen nie mit Künstlern oder Urhebern. Also das Urheberrecht findet seinen Gebrauch demnach ganz fern vom Urheber. Ob mir für meine Werke nun jemand oder eine Gesellschaftliche Instanz ein Urheberrecht oder keins zuspricht ändert nichts an der Arbeit und dem Wert den diese hat. Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden, mir liegt es nicht an der Abschaffung des Urheberrechts oder desen Herabstufung. Das Recht ist etwas wichtiges für die Verwertung – aber gänzlich unwichtig für den Gestaltungsprozess. Die Vorstellung das man ein Recht hat ist etwas schönes, es ist ein Glaube. Wichtig ist das man Recht bekommt, dafür gibt es Anwälte.

Die rechtliche Lage bei dem Sigmund Freud Font habe ich mit den offiziellen Stellen dem Sigmund Freud Museum in Wien und dem Freud Museum London abgestimmt. Da ich mich an der Vorlage der Handschrift Freuds orientiere, sind mir die Hände gestalterisch gebunden. Als Künstler habe ich die Situation gewählt. EIne Idee oder einen Traum zu haben wie zuvor beschrieben bei der Sigmund Freud Schrift das jemand seinem Analytiker einen Brief schreibt in der Handschrift Freuds, und diese eigenständig Umzusetzen erinnert an ein Kunstwerk. Ob dies nun die Schöpfungshöhe des Urhebers erreicht ist eine Frage die ein Anwalt gut und ein Richter endgültig beantworten kann.

Ich dachte mal daß ich so »abgefahrene« Schriften entworfen habe das diese schützbar sind. Musste mich allerdings dabei ertappen daß ich dachte eine schweizer Schokoladenfirma hätte diese für ein Produkt verwendet. Leider sah sie meiner nur zum verwechseln ähnlich - also nichts mit verrückter Einmaligkeit.

Grundsätzlich findet jede Schöpfung in einem gesellschaftlichem Zusammenhang statt. Das nach einem gewissen Zeitraum diese Schöpfung aus dem Privaten und Persönlichem einmal wieder zurück in den gemeinschaftlichen Zusammenhang fließt ist doch eine ganz harmonische Vorstellung. Die Regelungen die hierfür getroffen werden zeigen was für einen Stellenwert das Schöpferische in einer Gesellschaft hat. Diese Regelungen sind in ständiger Bewegung und bilden die soziale Wirklichkeit ab, jede Zeit bekommt die Kultur die sie verdient. Die gesetzten Regeln sind der kulturelle Rahmen in dem ein Einzelner in der Gesellschaft schöpferisch tätig werden kann. Ich musste schon wegen nicht bezahlten Schöpfungen vor Gericht mein Recht erklagen. Ich hoffe das ich niemals vor Gericht muss weil jemand meine Schöpfung stiehlt oder in anderer Form meine Urheberrechte verletzt. Ich kreiere lieber als das ich streite. Zum Glück gibt es Anwälte die man damit beschäftigt.


Vielleicht ein guter Schluss-Satz – übrigens vertritt Claire Evans von der amerikanischen Band Yacht eine ähnliche Haltung; zwar agieren »Yacht« primär als Rockband, verantworten Design und Merchandising aber selbst und mussten einige ihrer Gestaltungsideen und Slogans im Mainstream aufgehen sehen bzw. als Raubkopien entdecken. Mehr in diesem interessanten Vortrag, daraus ein quasi kybernetisches Zitat (bei 8:04) »we believe that once you put out an idea into the world, it doesn't really belong to you anymore. Culture is that big mushy thing the human race uses like an external hard drive«.

Danke und Alles Gute für die Zukunft, Harald.

PS: Das avancierte Open-Type-Coding, daß Rob Keller, Kollege und Freund von Harald Geisler, beigetragen hat, und das im Blog-Eintrag bei Kickstarter von Harald als »polyalphabetic substitution« bzw. »waltz code« bezeichnet wurde, nimmt Bezug auf die Enigma, die deutsche Verschlüsselungsmaschine für den gesamten militärischen Funkverkehr während des zweiten Weltkriegs, die allerdings durch britische Kryptoanalytiker um Alan Turing unter Anwendung elektromechanischer Dechiffriermaschinen (in der Struktur mehrere in Reihe geschaltete Enigmas) dekodiert werden konnte (was zum Verlust des U-Boot Krieges im Atlantik für die Deutschen führte). Der Name Turing, einer der theoretischen und praktischen Väter des Computers muss in diesem Zusammenhang schon deshalb fallen, weil zur Zeit eine Art Biopic unter dem Titel »The Imitation Game« verfilmt wird, ein Titel, der auch gut im Zusammenhang mit dem Sigmund-Freud-Font funktionieren würde. Keira Knightly wird übrigens eine tragende Rolle spielen, die schon – und hier schliesst sich denn der Kreis – in David Cronenbergs Drama »A dangerous Method« über den Freud-Schüler C. G. Jung und seine Patientin, die Protagonistin verkörperte.